Neuroleptika bei Demenz problematisch

  • r -- Schneider LS, Tariot PN, Dagerman KS et al.; CATIE-AD Study Group. Effectiveness of atypical antipsychotic drugs in patients with Alzheimer's disease. N Engl J Med 2006 (12. Oktober); 355: 1525-38 [Link]
  • Zusammengefasst von: Anne Witschi
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  • infomed screen Jahrgang 11 (2007) , Nummer 1
    Datum der Ausgabe: Januar 2007

Studienziele
Bei mehr als der Hälfte der Personen mit Alzheimer-De-menz treten im Krankheitsverlauf Erregungszustände, Halluzinationen oder Aggressivität auf. Häufig werden dann zur Behandlung Neuroleptika eingesetzt, wobei von verschiedenen Fachleuten die sogenannten atypischen Neuroleptika als Mittel der Wahl angesehen werden. In dieser Studie wurde die Wirksamkeit und die Verträglichkeit von mehreren solchen Medikamenten untersucht.

Methoden
Ambulant betreute Personen mit Alzheimer-Demenz und psychotischen Begleitsymptomen wurden in die Studie aufgenommen. Nach dem Zufall wurde entweder Olanzapin (Zyprexa®), Quetiapin (Seroquel®), Risperidon (Risperdal®) oder Placebo in einer individuell angepassten Dosis verabreicht. Geplant war eine 36-wöchige Behandlung. Als primärer Endpunkt wurde untersucht, wie lange es dauerte, bis die Therapie wegen ungenügender Wirkung oder wegen Nebenwirkungen abgebrochen werden musste.

Ergebnisse
421 Personen wurden in die Studie aufgenommen, 17% davon benötigten regelmässige Pflege (wie in einerm Pflegeheim). Gesamthaft fanden sich keine signifikanten Unterschiede in Bezug auf die Zeit bis zum Abbruch der Therapie. In allen Gruppen waren spätestens nach 8 Wochen die Hälfte der Behandlungen abgebrochen. Unterschiede fanden sich jedoch in der Wirksamkeit und Verträglichkeit: Olanzapin und Risperidon waren während 22 bzw. 27 Wochen «genügend» wirksam, Quetiapin und Placebo nur während 9 Wochen (Medianwerte). Wegen Unverträglichkeit (vor allem wegen extrapyramidalen Symptomen und Sedation) mussten die aktiven Medikamente bei rund 20% abgesetzt werden, Placebo nur bei 5%. Auch eine Gewichtszunahme war unter den Neuroleptika deutlich öfter zu beobachten als unter Placebo. Eine Verbesserung in der Fremdbeurteilung (CGIC-Skala) war in den Neuroleptikagruppen nur wenig (statistisch nicht signifikant) häufiger als in der Placebogruppe.

Schlussfolgerungen
Atypische Neuroleptika vermögen bei Alzheimer-Demenz psychotische Symptome nur wenig zu beeinflussen, verursachen jedoch bedeutsame Nebenwirkungen.

Zusammengefasst von Anne Witschi

Der studieneigenen Schlussfolgerung – «there is no large clinical benefit of treatment with atypical antipsychotics» – ist wohl ohne Einschränkung zuzustimmen. Fraglich könnte allenfalls die Wahl der Endpunkte sein: Zwar zeigen die Kranken mehrheitlich typische psychotische Symptome (Wahn, Halluzinationen), über 80% aber auch «agitation or aggression»: Worauf bezieht sich dann aber «discontinuation because of lack of efficacy»? Bezüglich des CGIC-Score wird schon eine minimale Verbesserung als «response» gewertet, wobei die Verumgruppen mit 26% bis 32% nicht umwerfend besser liegen als die Placebogruppe mit 21%. Dagegen zeigen sich mehr mindestens mässige motorische Nebenwirkungen und einmal mehr wird auf unerwünschte metabolische Effekte hingewiesen. Bei diesem keineswegs günstigen Nutzen-Risiko-Verhältnis ist auch bei Alzheimerkranken eine eindeutig kritisch-restriktive Indikation für Neuroleptika angezeigt. Insbesondere dürfte sich der Einsatz bei (undifferenzierten) «Verhaltensstörungen» verbieten. Immerhin warnt auch die amerikanische FDA schon seit einigen Jahren vor einer diesbezüglichen Anwendung.

Peter Zingg-Müller

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Neuroleptika bei Demenz problematisch (Januar 2007)