Pharma-Kritik

Teratogene Wirkung von Erythromycin

Renato L. Galeazzi
pharma-kritik Jahrgang 42, Nummer 1, PK1100
Redaktionsschluss: 25. Juli 2020
Gemäss der Analyse einer grossen britischen Kohorte aus der Grundversorgerpraxis muss angenommen werden, dass Erythromycin eine teratogene Wirkung aufweist (besonders kardiovaskuläre Missbildungen). Für Azithromycin und Clarithromycin ist die Studie zu wenig aussagekräftig.
Für Erythromycin (Erythrocin®) war bisher die Datenlage in Bezug auf kindliche Missbildungen eher spekulativ. In der jetzt vorliegenden Kohortenstudie aus einer britischen Datenbank, die sich auf die Population von Grundversorgerpraxen stützt, wurde retrospektiv eine Kohorte von 104'605 zwischen 1990 und 2016 geborenen Kindern untersucht. 8632 Mütter hatten während der Schwangerschaft eine Monotherapie mit einem Makrolid erhalten, wobei es sich bei 7987 Frauen um Erythromycin handelte. Eine viel grössere Gruppe, 95'973 Schwangere, hatten ein Penicillin erhalten. Nach Verschreibungen im ersten Schwangerschaftstrimester wurden in der Makrolidgruppe 28, in der Penicillingruppe 18 grössere Malformationen auf 1000 Lebendgeburten gefunden, entsprechend einer «Number Needed to Harm» (NNH) von 100. Die meisten dieser Missbildungen betrafen Herz und Kreislauf. Genitale Missbildungen (besonders Hypospadie) wurden häufiger beobachtet, wenn während eines beliebigen Schwangerschaftsabschnittes statt eines Penicillins ein Makrolid verabreicht worden war (NNH=595). Andere Missbildungen waren jedoch nicht gehäuft, wenn die Verabreichung im zweiten oder dritten Schwangerschaftstrimester erfolgt war. Auch wenn retrospektive Kohortenstudien nicht als «letzter Beweis» betrachtet werden können, dokumentiert diese Studie glaubhaft, dass Erythromycin eine teratogene Wirkung hat. Die Untersuchung zeigt einmal mehr, wie wichtig grosse, gut bewirtschaftete und kontrollierte Datenbanken für die klinische Medizin sind. Zu Clarithromycin (Klacid® u.a.) und Azithromycin (Zithromax® u.a.) liegen zwar tierexperimentelle Daten vor, die ebenfalls eine teratogene Wirkung vermuten lassen. Die hier vorgelegten Zahlen genügen aber nicht, um auf einen Klasseneffekt schliessen zu können; so war z.B. Azithromycin nur gerade bei 1,7% der berücksichtigten Kinder verabreicht worden.


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